Kolumne von Anette Welp

Kennen Sie das? Sie brauchen Geld und dafür tun Sie
alles – na ja, sagen wir - fast alles. Wissen Sie,
wie sich eine Kölnerin als Kellnerin in einer Kneipe
in Frankfurt schlagen muss? Das ist ganz schön hart.
Denn in Köln gibt es Kölsch, Kölsch und nochmal
Kölsch. Kölsch wird in einem schlanken Glas – eben
einer Stange serviert. Da passt nicht viel rein,
deswegen bestellt der echte Kölner gleich mal zwei
Kölsch. Ganz einfach. In Frankfurt ist das etwas
anders. Gerne trinkt man in den Äbbelwoi-Kneipen
einen Äppler. Ein Äppler kommt von „Apfel“ und ist –
logisch - ein Apfelwein. Dann gibt es neben dem
Äppler auch Pilz. Pilz wird in einem bauchigen Glas
mit viel Schaum serviert. Das ist ganz einfach.
Aber eines Abends bestellte ein wirklich
sympathischer Mann plötzlich ein Geripptes. Ich bin
eine aufgeschlossene und lustige Kölnerin mit
hochdeutschem Akzent, die immer einen Spruch auf den
Lippen hat. So auch dieses Mal.
„Feinripp
oder Doppelripp?“, fragte ich liebevoll spaßig und
sah ihm tief in seine wunderschönen Augen. Aber ich
erntete einen sehr missbilligenden Blick des gut
aussehenden jungen Mannes. So schnell bringt mich
nichts aus der Ruhe. Also überlegte ich, was ich
jetzt falsch gefragt hatte und wiederholte meine
spaßige Frage. „Feinripp oder Doppelripp?“
Der hübsche Mann aber stand plötzlich auf und wollte
offensichtlich gehen! Mein großes weibliches Kölner
Herz fing heftig an zu schlagen. Spontan nahm ich
zuerst seine Hand, dann krallte ich mich an seinem
rechten Arm fest und schlussendlich schmiss ich mich
an seinen muskulösen Körper, umklammerte ihn mit
ganzer Kraft und rief: „Sag es mir, oh bitte sag es
mir, was hab ich falsch gefragt? Mein Leben ist von
davon abhängig!“
Unabhängig davon, dass dieser Mann einfach
überdimensional gut aussah und ich ihn nicht gehen
lassen wollte, dachte ich auch an die Peinlichkeit,
ein dialektisches Problem ungelöst gehen zu lassen.
Er sah mich völlig irritiert an. „Dein Leben?“
„Ja, mein Leben als verlorene Kölnerin in diesem
großen weiten Hessen! Ja, ich bin so einsam und so
arm. Wenn Sie jetzt gehen, verliere vielleicht ich
meinen Job.“
Da lächelte der Gütige und reichte mir versöhnlich
seine prächtige Hand.
„Ei, ich bin der Schorsch und du bist einsam?“
„Ja, einsam und unwissend und nicht aufgeklärt!“
„Ane
nett aafgeklärte Kölnerin? Des gibt’s nett!“
Er strahlte mich mit seinen sternenblauen Augen an.
Oh, dachte ich, haben die Hessen einfühlsame hübsche
Männer! Vor allem nicht so frei liebende Männer wie
in Köln! Die sind mit Rheinwasser getauft und
hemmungslos paarungssüchtig. Und wir armen
Kölnerinnen versuchen – im Zuge der
Gleichberechtigung – Gleiches zu unterlassen. Diesen
Widerstand versteht nur keiner!
„Also horsche ma, ein Geripptes ist nett fein und
aach nett doppelt. Mir wolle nur en Ehrlisches.“
Etwas Ehrliches will er! Danach suche ich doch schon
seit Jahren, schießt es mir durch den Kopf.
Plötzlich wusste ich genau, was er meinte und mein
ganzer Körper fühlte sich gerippt an, ehrlisch
gerippt. Der Schorsch hatte genau das gesagt, was
ich mir immer von einem Mann gewünscht hatte. Auch,
wenn wir uns noch nicht kannten, ich war sicher! Das
war ein Zeichen! Die Engel hatten ihn mir geschickt,
den Mann, nach dem ich so lange gesucht hatte. Ich
wischte mir die Schweißperlen aus meinem Dekollete
und hob meinen Pusch-up kurz an. Dann atmete ich
dreimal tief ein und aus, nahm all meinen Mut
zusammen, öffnete meine Arme und rief aus vollem
Kölner Hals: „Nimm mich! Nimm mich! Ich bin fein,
doppelt und ehrlisch gerippt!“
Natürlich habe ich meinen Job als Kellnerin verloren
und arbeite jetzt als Autorin.
Anette
Welp, Jahrgang 1963, ist Autorin und Verlegerin. Nach
drei Buchveröffentlichungen erscheint nun ihr erstes
Hörbuch, in dem sie ihre bisher schönsten Kolumnen vorliest.
Weitere Informationen finden Sie in ihrer Homepage:
www.vollweiblich.de
© Anette Welp,
augenauf.welp@t-online.de